Diskussionswürdig – Bedarf für ein gemeinsames Diskussionsforum / #linksunten

Meinung 1 – von Shutdown G20 – Hamburg vom Netz nehmen!:

Kurze Unterbrechung der Reibungslosigkeit anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg

Heute Morgen haben wir die Kabelstränge entlang mehrerer Hauptstrecken der Bahn in Brand gesetzt. Die Bahn nutzt die Kabelkanäle neben den Gleisen nicht nur für die interne Signalübermittlung sondern vermietet die Schächte auch an andere Datennetz-Betreiber. Wir unterbrechen die alles umfassende wirtschaftliche Verwertung. Und damit die so stark verinnerlichte Entwertung von Leben. Wir greifen ein in eines der zentralen Nervensysteme des Kapitalismus: mehrere Zehntausend Kilometer Bahnstrecke. Hier fließen Waren, Arbeitskräfte, insbesondere Daten.

Daten als Basis der Erfassung zur Be- und Ver-wertung von allem. Daten, die als Flussmittel notwendig sind für die Zusammenfassung aller (Arbeits-)Prozesse zu einer lernenden, sich stetig optimierenden Maschine. In Deutschland soll sie zukünftig Industrie 4.0 heißen.

Die G20 treffen sich im Juli, damit die Maschine möglichst rund läuft. Es geht um die Stabilität der Weltwirtschaft. Wie immer. Und es geht um Afrika, als neokoloniale Erweiterung der Maschine. Nicht mehr nur zur Erbeutung von Rohstoffen, sondern zur Erschließung neuer Verwertungsmöglichkeiten, neuer Märkte, neuer Arbeitskräfte. Und zur Verlagerung der EU-Außengrenze nach Nordafrika zur Abwehr derjenigen, die sich nach Zerstörung ihrer Lebensbedingungen durch die G20 auf den Weg machen. Die „Partnerschaft mit Afrika“ soll einen Sicherheitswall ökonomisch erzwingen, der die Arbeit der europäischen Grenzsicherung übernimmt. Damit die Maschine noch runder läuft und weniger hässliche Bilder produziert.

Wir werden die Maschinisten nicht aufhalten, noch nicht.
Aber wir zeigen auf, wie es möglich ist, die Maschine zum Stottern zubringen,
obwohl wir selbst Teil der Maschine sind und immer tiefer in sie eingepasst werden sollen.
Wir rufen unseren Widerspruch in das Gedächtnis der Maschinisten.
So wie im Juli beim Gipfel der G20 in Hamburg.
Massenhafter Widerspruch wird für die ganze Welt sichtbar werden.
Und ermutigen.
Nicht länger zu warten.
Nicht mehr nur hoffen.
Handeln.
Probieren, scheitern. Erneut probieren, besser scheitern.
Gewinnen vielleicht.
In jedem Fall weiter kommen.
Unseren Weg gehen.
Leben also.
Jetzt!

Das einzige Maß für die Krise des Kapitalismus
ist der Grad der Organisierung der Kräfte, die ihn zerstören wollen.

Shutdown G20 – Hamburg vom Netz nehmen!

Quelle:
https://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:k7mm0SMW0EMJ:https://linksunten.indymedia.org/fr/node/215853%3Fpage%3D1+&cd=1&hl=de&ct=clnk&gl=de

Meinung 2 – von Wladek Flakin:

Autonome Unterhosenwichtel – Zur unsinnigsten Aktion des Jahres

13 Kabelbrände bei der Bahn haben in ganz Deutschland Chaos ausgelöst. Das soll ein linker Protest gegen die G20 sein – und kann nur nach hinten losgehen.

Montag früh am S-Bahnhof Neukölln. Der Bahnsteig ist voll, der Zug kommt nicht, die Menschen sind genervt. Ein Kabelbrand am Treptower Park ist Schuld, heißt es über die Lautsprecher. Irgendwann fährt die Ringbahn wieder. Aber Richtung Südosten geht es für den Rest des Tages nur mit Schienenersatzverkehr. Wie konnte es zu diesem Brand kommen? Nur eine weitere Folge des Kaputtsparens beim öffentlichen Nahverkehr in Berlin, denkt man sich.

Manche Betroffene werden ihre Smartphones gezückt und die Nachrichten gesehen haben. Nicht die Deutsche Bahn ist diesmal für die Verspätungen verantwortlich, sondern „Chaoten“ und „Linksextreme“, hieß es beim bürgerlichen Hetzblatt „B.Z.“. Einige Wenige – darunter auch ich – werden ihren Weg zu Indymedia Linksunten gefunden haben, wo ein Bekenner*innenschreiben stand.

„Wir unterbrechen die alles umfassende wirtschaftliche Verwertung. Und damit die so stark verinnerlichte Entwertung von Leben. Wir greifen ein in eines der zentralen Nervensysteme des Kapitalismus: mehrere Zehntausend Kilometer Bahnstrecke.“

Bundesweit wurden 13 solcher Anschläge gleichzeitig verübt: in NRW, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Scheinbar war das als Protest gegen den G20-Gipfel in Hamburg gedacht. (Wir dürfen nicht vergessen, dass vielleicht auch eine staatliche Provokation dahinterstecken könnte.)

Aber was genau soll damit erreicht werden? Glauben die Aktivist*innen, dass die zentralen Kapitalströme des deutschen Imperialismus mit der S-Bahn durch Ostberlin fahren?

Nein, werden die Verfasser*innen argumentieren, dieser Kabelbrand soll viel mehr andere Menschen ermutigen, selbst Sabotageakte durchzuführen. Gut. Und? Wird das passieren? Wird die Hypothese aufgehen?

Wenn wir uns die Geschichte des Kapitalismus anschauen, gab es deutlich spektakulärere Attentate – auch Kaiser*innen sind in die Luft gesprengt worden. Hatten sie jemals den erhofften Effekt, die Passivität und Resignation unter den Ausgebeuteten zu überwinden?

Diese autonome Taktik ist letztendlich ein Ausdruck der politischen Verzweiflung. Wenn uns wirklich gar nichts einfällt, um die Massen zum Kampf anzustacheln, dann… naja, immerhin können wir etwas anzünden.

Mich erinnert dieser Plan ein wenig an die „Unterhosenwichtel“ bei South Park. Diese magischen Kreaturen schleichen sich nachts in die Schlafzimmer von Menschen, um ihre Unterwäsche zu stehlen. Warum? Sie haben einen großen Plan: Schritt 1 ist, Unterwäsche zu stehlen. Schritt 3 ist Profit. Aber was ist Schritt 2? Keine*r der Wichtel kann sich erinnern…

Ich denke, der Plan der Autonomen ist in diesem Fall ähnlich: Schritt 1 ist, Feuer zu legen. Schritt 3 ist, eine befreite Gesellschaft jenseits des Kapitalismus zu erreichen. Aber was ist Schritt 2?

Lower Class Magazine kritisiert die Aktion völlig zu Recht als „Schuss ins eigene Knie.“ Sie zitieren die Bewegung 2. Juni und Che Guevara – sie wollen Guerilla-Aktionen, die darauf ausgerichtet sind, die Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen.

Doch eine Guerilla-Strategie hat immer die Eigenschaft, dass kleine, verdeckte Gruppen im vermeintlichen Interesse der arbeitenden und armen Bevölkerung handeln. Das kann ihnen besser oder schlechter gelingen – aber die Massen bleiben auch unter den günstigsten Umständen Zuschauer*innen.

Marxist*innen dagegen setzen auf die massenhafte Selbstorganisierung der Ausgebeuteten. Die Massen sollen nicht auf eine*n anonyme*n Kämpfer*in in olivgrüner Uniform oder schwarzer Hassmaske setzen, sondern auf die eigene Kampfkraft.

Denn die Kampfmittel der Massen – Demonstrationen, Blockaden, Streiks – stören den Wirtschaftskreislauf viel mehr als isolierte Militanz. Wir brauchen nur einen Blick auf die Streiks der Lokführer*innen zu werfen, die deutlich mehr Verspätungen verursachten als diese 13 Kabelbrände.

Die Aktivist*innen, die diese nächtlichen Aktionen durchführten, haben ihren Mut unter Beweis gestellt. Sie labern nicht nur, sondern nehmen Risiken auf sich, um ein Zeichen gegen das System zu setzen, das auf der Ausbeutung von Milliarden basiert. Das begrüßen wir.

Aber sie brauchen eine ganz andere Strategie. Wie wäre es, wenn sie mit ihrem ganzen Mut in die Großbetriebe gehen würden, um Proletarier*innen zu organisieren? Das ist am Anfang weniger spektakulär – aber kann langfristig dem Kapital viel größere Schäden zufügen.

Die Organisation von Milliarden Arbeiter*innen weltweit mit dem Ziel, die politische Macht zu erobern und das Kapital zu enteignen, ist ein mühsamer Prozess. Aber es ist unsere einzige Chance, um die Menschheit vor dem Kapitalismus zu retten. Und viel realistischer als Unterhosenwichtel-Aktionen.

Quelle:
https://www.klassegegenklasse.org/autonome-unterhosenwichtel-zur-unsinnigsten-aktion-des-jahres/

Meinung 3 – von Karl Plumba:

„Es ist keineswegs besonders revolutionär, auf die Sympathien des Volkes zu scheißen“

Ein Schuss ins eigene Knie: Warum Kabelbrände als militante Aktionen nicht erfolgreich sein können. Versuch einer solidarischen Kritik

Absichtlich herbeigeführte und mit politischer Rhetorik verzierte Kabelbrände im Bahnbetrieb sind ein in regelmäßigen Abständen wiederkehrendes Phänomen, das zumindest in Deutschland jedes Mal exakt dieselbe Wirkung zeitigt: Die Hofpresse des Feindes, die ansonsten auch gerne mal gelungene Aktionen vollständig verschweigt oder in den Bereich der Kurzmeldungen verbannt, schlachtet diese Dinger tagelang aus. Und aus der Bevölkerung ergießen sich abertausende Hassbotschaften gegen die gesamte Linke in die sozialen Medien.

Die letzte derartige Form von Militanz war in sich stimmig und ereignete irgendwann 2014. In sich stimmig war sie deshalb, weil die Verkehrtheit der Aktion mit der Dummheit des Bekennerschreibens in Einklang stand.

Das verhält sich dieses Mal anders. Das Bekennerschreiben ist durchdacht, gut formuliert, die Überheblichkeit und Massenfeindlichkeit der Selbstbezichtigung von 2014 kommt in ihm nicht mehr vor. Im Gegenteil, die Autor*innen schließen mit: „Das einzige Maß für die Krise des Kapitalismus ist der Grad der Organisierung der Kräfte, die ihn zerstören wollen.“ Ob man nun teilt, dass das einzige Maß der Krise des Kapitalismus der Grad der Organisiertheit seiner Gegner*innen ist, oder nicht; zumindest sagt diese Passage ganz klar: der Kapitalismus wird nur dann beseitigt werden können, wenn diejenigen, die unter ihm leiden, die ihn abschaffen wollen, sich organisieren. Mehr noch, diejenigen, die das Papier schrieben, wollen Widerstand weltweit „sichtbar machen“ und „ermutigen“.

Wenn man das liest, fragt man sich ernsthaft, wie sie – vorausgesetzt, das Schreiben ist kein Fake und die Autor*innen nehmen ihre Gedanken irgendwie ernst – auf die Idee kommen konnten, dass diese Aktion ihrem eigenen Anliegen irgendwie dienlich sein könnte.

Denn es ist ja keineswegs so, dass es keine empirischen Erfahrungen zu den Auswirkungen dieser Aktionsform gab. 2013 gab‘s eine solche Geschichte in Berlin. Effekt: Hass gegen alles Linke. 2014 gab‘s dieselbe Aktion nochmal. Effekt: Hass gegen alles Linke. Und jetzt 2017 gibt‘s die Geschichte erneut. Was erwartete man?

Jetzt kann man sagen (und genau solches sagen in den Kommentarspalten auf Indy und sonstwo Verteidiger*innen der Aktion): Interessiert uns überhaupt nicht, weil die deutsche Bevölkerung besteht ohnehin nur aus Arschlöchern, die nichts verstehen. Das ist konsequent und reduziert Militanz auf eine Art nihilistischer Masturbation. Man zündelt für‘s eigene Wohlbefinden, dem Gros der Gesellschaft, das man hasst und verabscheut, hat man nichts mehr mitzuteilen.

Das Bekennerschreiben selbst allerdings spricht eine andere, schönere Sprache. Es will ja aufrütteln und im Endeffekt „organisieren“. Wenn man aber „organisieren“ will, dann kann man sich nicht davor drücken, bei militanten Aktionen als den entscheidenden Faktor miteinzubeziehen, welche Auswirkungen sie auf diejenigen haben, die man organisieren will. Das war das entscheidende Kriterium bei dem, was man „bewaffnete Propaganda“ nannte, genauso wie im Guerilla-Krieg.

Die Bewegung 2. Juni schrieb einmal: „Na klar sollten die Aktionen der Bewegung 2. Juni populistisch sein – im wahrsten Sinne des Wortes: volkstümlich. Sie sollten Menschen politisch für uns gewinnen und sie nicht dem Staat in die Arme treiben. Es ist keineswegs besonders revolutionär, auf die Sympathien des Volkes zu scheißen.“ Und weiter: „Und Beifall, also Zustimmung zu einer Aktion oder Politik der Guerilla zu bekommen, heißt doch, dass das Eis des allgemein herrschenden Bewusstseins gebrochen wird und ein Ansatz für die Unterstützung revolutionärer Politik entsteht. Der ‚Beifall‘ schafft das Wasser, ohne dass es keine Verbreiterung, keine Mobilität, keine Logistik, keine Aktionsmöglichkeiten für die Guerilla gibt.“

Die letzten Endes nihilistische Arroganz gegenüber dem, was die Bevölkerung denkt, ist kein Zeichen von Radikalität. Sie ist ein Ausdruck der Schwäche und des fehlenden Glaubens an die Möglichkeit des eigenen Sieges. Denn letztere hängt wesentlich damit zusammen, dass wir anderen Menschen, Menschen, die uns noch nicht verstehen, unsere Ziele erklären können. In der poetischen Aneinanderreihung von Satzfragmenten im Bekennerschreiben kommt das subtil zum Ausdruck:„Probieren, scheitern. Erneut probieren, besser scheitern. Gewinnen vielleicht.“ – Dass man probieren kann und dann scheitern wird – das ist gewiss. Aber „gewinnen“? Naja, „vielleicht“.

Dass die Kabelbrandaktion kaum jemanden, der nicht ohnehin schon überzeugt ist von der Richtigkeit der Zerstörung des Kapitalismus, überzeugen wird, lässt sich wirklich schlecht bestreiten. Dass sie umgekehrt viele tausende entweder in ihrer ohnehin vorhandenen Ablehung von „Linksextremisten“ bestärken wird, oder bei Menschen, die uns neutral oder gar wohlgesonnen gegenüber stehen, Ablehnung hervorrufen wird, ebensowenig.

Denkt man darüber ohne Abwehrreflexe nach, wird man nicht anders können als zu sagen: Die Aktion war sicher ‚militärisch‘ gut vorbereitet, sie hat auch immense Wirkung entfaltet. Und dennoch hat sie die Wirkung, die das Bekennerschreiben als Ziel erkennen lässt, vollständig verfehlt. Mehr noch: Man hätte nach 2013 und 2014 im Vorhinein wissen können, dass sie kontraproduktiv ist.

Was Che Guevara einst als Bedingung jedes Guerilla-Krieges gesehen hat, gilt nicht weniger für militante Aktionen auf niedrigerem Level: „Die Guerilla-Kämpfer brauchen die volle Unterstützung der Menschen in dem Gebiet [in dem sie agieren]. Das ist eine unumgängliche Voraussetzung.“ Wer sich dieser Bedingung selbst entledigt, indem er sich das Wasser abgräbt, in dem er schwimmen will, tut sich keinen Gefallen. Irgendwann sitzt man dann auf dem Trockenen und der Kampf gegen den sich faschisierenden Kapitalismus zusammen mit ein paar Dutzend, meinetwegen hundert Gleichgesinnten ist zwar vielleicht heroisch, er wird aber letzten Endes nicht siegreich sein.

Quelle:
http://lowerclassmag.com/2017/06/es-ist-keineswegs-besonders-revolutionaer-auf-die-sympathien-des-volkes-zu-scheissen/

Informatorische Ergänzungen:

1. FAZ über die Bedeutung von #linksunten

Seine Bedeutung erlangte „Linksunten“ durch die traditionelle Zersplitterung des Lagers in sich teilweise bekämpfende Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen. Früher waren militante Gentrifizierungsgegner, Antiimperialisten, radikale Genderaktivisten, Anarchisten, Antideutsche, Autonome und viele andere auf die jeweils eigenen Kanäle angewiesen, um isoliert ihre Meinung zu verbreiten. Mit „Linksunten“ gab es eine Plattform, die nach Belieben und ohne jede eigene Technik jederzeit benutzt werden konnte. Aufgrund der Anonymität der Autoren war es möglich, auch Texte zu veröffentlichen, die klar illegalen Charakter hatten und zu Straftaten und Umsturz aufriefen.

Quelle:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/was-bei-linksunten-indymedia-zu-finden-war-15168093.html

2. Älteres zu Bahnstrecken-Sabatoge

a) https://de.wikipedia.org/wiki/Hakenkralle

b) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15985948.html („AUTONOME: Goldene Hakenkralle“)

c) https://www.nadir.org/nadir/initiativ/gold/rede-hb.html („Vorlage einer Rede zur Enthüllung der ‚Goldenen Hakenkralle'“)

linksunten.indymedia wiederherstellen!

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