Hauptkräfte der Nelkenrevolution

Zum Hauptsächlichen:

MFA = Movimento das Forças Armadas / Bewegung der Streitkräfte – militärische Trägerin des Sturzes der Diktatur am 25. April 1974

PCP = Partido Comunista Português / Portugiesische Kommunistische Partei – große, der Sowjetunion mehr oder minder nahestehende KP

MDP = Movimento Democrático Português / Portugiesische Demokratische Bewegung – 1969 entstandene, erste breitere Formierung gegen die Diktatur; später in Wahlbündnissen mit der PCP

MES = Movimento de Esquerda Socialista / Bewegungen der sozialistischen Linken – eine 1974 erfolgte Linksabspaltung von der MDP

UPD = União Democrática Popular / Demokratische Volksvereinigung – maoistische Formation mit parlamentarischer Repräsentanz; in der BRD vom Kommunistischen Bund (KB) unterstützt

FSP = Frente Socialista Popular / Sozialistische Front des Volkes – eine Linksabspaltung der Sozialistischen Partei (PS)

Die FUR = Frente de Unidade Revolucionária / Revolutionäre Einheitsfront wurde am 25. August 1975 als Frente de Unidade Popular von FSP, MDP, MES, PCP (siehe jeweils oben) sowie LCI und PRP/BR (siehe jeweils unten) sowie LUAR und Organização 1º de Maio gegründet. Nach dem die Organização 1º de Maio bereits einen Tag und die PCP zwei weitere Tage später wieder ausgeschieden waren, erfolgte der vorgenannte Namenswechsel. Die LCI schied im Herbst 1975 aus und unterstütze 1976 den Präsidentschaftskandidaten der KP. [0]

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Zu den Details:

Die militärische Trägerin des Sturzes der Diktatur am 25. April 1974 war die MFA (Movimento das Forças Armadas / Bewegung der Streitkräfte), die ihrerseits unterschiedliche Strömungen umfasste. Deren rechter Flügel um General Spínola versuchte am 11. März 1975 vergeblich die Macht an sich zu reißen.

Deren mittlerer Flügel um General da Costa Gomes schaltete am 25. November 1975 – bei Stillhalten der (großen) Kommunistischen Partei – den linken Flügel um Otelo Saraiva de Carvalho aus.

Damit war – nach dem Ergebnis der Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung am 25. April 1975 – ein weiterer, entscheidender Schritt in Richtung parlamentarische Demokratie und bei Beibehaltung der kapitalistischen Produktionsweise getan.

Zwischendurch war es – insb. im Sommer 1975 – unter dem Slogan Poder Popular (Volksmacht) zu einer Welle von Betriebs- und Landbesetzungen, Kämpfen gegen Entlassungen, um Löhne und Arbeits-/Produktionsgestaltung, Soldatendemonstrationen sowie Bildung der radikalen Soldatenvereingung Soldados Unidos Vencerao (SUV) gekommen (S. 14; vgl. http://mao-archiv.de/Scans/INT/EU/P/Spabu/Spabu_Portugal026.jpg)

Bei der Wahl der Verfassungsgebenden Versammlung hatte zuvor die – mit maßgeblicher Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung 1973 in Bad Münstereifel bei Bonn aus dem Boden gestampfte – Sozialistische Partei, die zunächst eine sehr verbalradikale Rhetorik vertrat (S. 2 bzw. 27), mit 38 % der abgegebenen (gültigen und ungültigen) Stimmen gesiegt [1]. U.a. dieser Verbalradikalismus, aber auch die Stärke der Kräfte links von ihr erklärt, warum der „Sozialismus“ (Art. 2) und sogar die „klassenlosen Gesellschaft“ (Art. 1) von der Verfassung von 1976 als Ziele proklamiert wurden.

Ungeachtet der Ereignisse vom 25. November 1975 konnte Carvalho bei der Präsidentschaftswahl am 27.06.1976, bei der er von UDP, MES und PRP (s. zu diesen Gruppen im Einzelnen unten) unterstützt wurde, immerhin 16,5 % erzielen (das beste Ergebnis mit 41,8 % im Distrikt Setúbal südlich von Lissabon mit damals gut einer halben Millionen EinwohnerInnen). [2]

Die MES (Movimento de Esquerda Socialista / Bewegungen der sozialistischen Linken) war eine – unmittelbar nach der Nelkenrevolution erfolgte – Linksabspaltung von der 1969 gegründeten MDP (Movimento Democrático Português / Portugiesische Demokratische Bewegung).
Letztere kandidierte bei der Wahl 1975 allein sowie bei den Kommunalwahlen 1976 – unter dem Namen Frente Eleitoral Povo Unido [Wahlfront Vereintes Volk] – und bei den Wahlen 1979 bis 1985 – unter dem Namen Aliança Povo Unido (APU) – in einem Wahlbündnis mit der Kommunistischen Partei. [3] 1976 war außerdem die PS-Linksabspaltung Frente Socialista Popular [FSP] beteiligt.
Um zur MES zurückzukommen: In der BRD sympathisierte der Kommunistischen Bund (KB) mit dieser, die sich 1981 auflöste und von der viele später Mitglieder der Sozialistischen Partei wurden.

Ebenfalls vom KB wurde die UPD (União Democrática Popular / Demokratische Volksvereinigung) unterstützt. Sie entstand Ende 1974 als gemeinsame Massenorganisation mehrerer marxistisch-leninistischer (maoistischer) Gruppierungen und erreichte bei der Wahl der Verfassungsgebenden Versammlung 1975 ausreichend viel Stimmen, um einen Sitz zu erlangen [4], den sie erst bei der Wahl 1983 verlor. Die UPD existiert heute noch als Teil des Bloco de Esquerda (Linksblock).

Die PRP (Partido Revolucionário do Proletariado / Revolutionäre Partei des Proletariats) entstand 1973 als politischer Arm der 1970 gegründeten guevaristischen Revolutionären Brigaden (BR) und existierte bis zu ihrem Verbot 1976; ihr bewaffneter Flügel operierte noch bis 1979. Am 23. Oktober 1975 sagte Isabel do Carmo bei einer Pressekonferenz der PRP: „A história já demonstrou que, sempre que a burguesia deseja defender os seus interesses, procura desencadear a guerra civil.“ / „Die Geschichte hat bereits gezeigt, dass die Bourgeoisie, immer wenn sie beabsichtigt, ihre Interessen zu verteidigen, einen Bürgerkrieg auszulösen sucht.“

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Im trotzkistischen Spektrum existierten die – 1973 gegründetepablistische [5] LCI (Liga Comunista Internacionalista) und die – 1975 gegründetemorenistische PRT (Partido Revolucionário dos Trabalhadores), die 1978 zur PSR (Partido Socialista Revolucionário) fusionierten, von der sich 1979 (im Kontext eines Konflikts in der IV. Internationale) ein Großteil der Ex-PRT-Mitglieder gleich wieder abspaltete, die fortan als Liga Socialista dos Trabalhadores existierte (und sich schließlich – nach Namenswechsel – in den Bloco de Esquerda auflöste).

Bei der zweiten bzw. Wiederholungswahl im Jahr 1983 kandidierten UDP und PSR gemeinsam, was sich aber nicht auszahlte; beide Gruppierungen zusammen schnitten schlechter ab als die einzelnen Formationen bei vorhergehenden und nachfolgenden Wahlen.

Auch die PSR existiert heute noch (unter dem Namen Associação Política Socialista Revolucionária) als Teil des Bloco de Esquerda.

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Die Organização Comunista Marxista-Leninista Portuguesa (OCMLP) entstand 1973 als Zusammenschluss dreier Gruppen. Für die Beteiligung an der Wahl 1975 wurde eine Wahlfront [Frente Eleitoral dos Comunistas (marxistas-leninistas)FEC(m-l)] gebildet, die gut ein halbes Prozent der Stimmen erzielte.

Die Mehrheit der Partei fusionierte 1975 mit weiteren Gruppen (darunter die Partido de Unidade Popular [PUP]) zur – an Albanien orientierten – Partido Comunista Português (Reconstruído) [PCP(R)] und schloss sich 1992 der UDP (siehe oben an).

Die – scharf gegen den vermeintlichen „Sozialfaschismus“ der Sowjetunion ausgerichtete – Minderheit der OCMLP führte den Parteinamen weiter und kandidierte (mit Wahlergebnissen im Irrelevanzbereich) bis 1983 unter eigenem Namen.

Ebenfalls antisowjetisch ausgerichtet war die – in der BRD vom KBW unterstützte (M. Steffen, S. 116, FN 307) – Movimento Reorganizativo do Partido do Proletariado (MRPP) (später in Partido Comunista dos Trabalhadores Portugueses umbenannt). Bei der Präsidentschaftswahlen 1976 unterstützte sie – zusammen mit der Sozialistischen Partei und den beiden konservativen Parteien – den (erfolgreichen) Kandidaten Eanes. Bei der Präsidentschaftswahl 2011 unterstützte sie – ebenso wie der Linksblock – den von der Sozialistischen Partei aufgestellten Kandidaten.
Bei den letzten Wahlen konnte sie jeweils etwas mehr als ein Prozent der Stimmen erzielen: Bei den Parlamentswahlen 2011 und 2015 sowie der EU-Parlamentswahl 2014 übertraf sie erstmals auch in absoluten Zahlen ihr bis dahin bestes Wahlergebnis von 1976. Der EU-Kommissions-Präsident der Jahre 2004 bis 2014, Barrosso (heute Mitglied der EVP-Mitgliedspartei PDD/PSD) gehörte, in seiner Jugendzeit zur MRPP.

Als letzte Gruppierung aus der revolutionären Umbruchzeit sei noch die Partido Comunista de Portugal (marxista-leninista) [PCP(m-l)] erwähnt. Sie spaltete sich 1974 in zwei Flügel, die zunächst beide den Parteinamen weiterführten. Der Flügel von Eduíno Gomes gründete schließlich die Aliança Operário-Camponesa (Arbeiter- und Bauernallianz), die unter dem Slogan „Nem Kissinger, nem Brejnev, independência nacional!“ (Weder Kissinger noch Breschnew – nationale Unabhängigkeit!) agitierte. Sie wurde 1979 in Partido Trabalhista (Arbeiterpartei) umbenannte, kandidierte aber nur noch 1980 und sah in der großen Kommunistischen Partei ihren Hauptfeind.
Der andere Flügel, der den alten Parteinamen weiterführte, sah in „den Monopolen und dem nordamerikanischen Imperialismus“ die Hauptfeinde; kandidierte nur 1976 und hörte wahrscheinlich 1980 auf, zu existieren.
Beide Formationen erhielten bei der Wahl 1976 jeweils gut 15.000 Stimmen – d.h. etwas weniger als pablistische LCI, circa halb soviel wie die MES und deutlich weniger als die UDP (über 90.000 Stimmen).

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Später kamen noch die lambertistische (eine weitere Trotzkismus-Variante) POUS, die 1979 – nachdem diese Strömung 1977 aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen war – gegründet wurde, sowie die linkssozialistische – einen Selbstverwaltungs-Sozialismus befürwortende – UEDS hinzu.

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Die Distrikte Portugals

Quelle: Wikipedia (eigene Umwandlung ins .png-Format)

Das Ergebnis der Wahl der Verfassungsgebenden Versammlung

Quelle: Wikipedia

Die Regionen Portugals

Quelle: Wikipedia

Das Parlaments-Wahlergebnis von 1976

Quelle: Wikipedia

Die Wahlergebnisse 1976 des – von kleinen Linksparteien unterstützten – Carvalho und des – von der KP unterstützen – Pato in den 5 von 20 Wahlkreisen (von Süd nach Nord), in denen der Stimmanteil von Eanes unter 55 % lag.

Distrikt Otelo Saraiva de Carvalho Octávio Pato
Faro 24,8 % 7,7 %
Beja 32,8 % 25,6 %
Setúbal 41,8 % 18,7 %
Évora 34,8 % 19,7 %
Lisboa 23,9 % 10,3
nachrichtlich: Ein weiterer Wahlkreis, in dem Carvalho und Pato zusammen über 30 % lagen (Eanes: 56,1 %)
Portalegre 16,6 % 14,4 %

Bei der Wahl gab es 20 Wahlkreisen, die von den 18 Distrikten und den beiden Inselgruppen Azoren und Madeira gebildet wurden.

Quelle: Wikipedia

Portugiesische Wahlergebnisse von 1975 bis 1979

[0] Frieder Otto Wolf, Phönix aus der Asche. Zur Neuorientierung der portugiesischen Linken seit 1975, in: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus H. 5, 1978, 119 – 134 [128].

[1] Die Kommunistische Partei erhielt 12,5 % und kleinere Parteien links von dieser zusammen 3 % der abgegebenen (gültigen und ungültigen) Stimmen. Die hohe Wahlbeteiligung und die gleichzeitig hohe Zahl von ungültigen bzw. leeren Stimmzetteln dürfte sich aus Folgendem erklären: „Es wurde vor der Wahl von MFA aufgerufen, daß möglichst alle wählen sollten, und wer sich für keine Partei entscheiden könnte, sollte einen weißen Zettel abgegeben.“ (http://www.arbeiterpolitik.de/Zeitungen/PDF/1975/arpo-Dez-1975-Sonderdruck.pdf, S. 12) (In der amtlichen Veröffentlichung des Wahlergebnisses [S. 7] existiert ausschließlich die Kategorie „votos nulos“, was darauf hindeutet, dass „votos brancos“ gar nicht getrennt erfasst wurden und die Unterscheidung in der Wikipedia [port. / engl.] [angeblich keine leeren Stimmzettel] auf einem späteren Irrtum (bzw. einer Rückprojektion späterer Auszählungsmethoden) der Wikipedia bzw. des CNE beruht.)

[2] Der Kandidat der Kommunistischen Partei erhielt 7,5 %. José Pinheiro de Azevedo, ein weiteres Mitglied der MFA, der vom linken Flügel der Sozialistischen Partei favorisiert wurde, stand – für eine nicht zustande gekommene – Koalition von Sozialistischer und Kommunistischer Partei und Teilen der MAS; erhielt 14,5 %. (https://en.wikipedia.org/wiki/Portuguese_presidential_election,_1976).
Wahlsieger war General Eanes, der nach dem 25. Nov. 1975 Generalstabschef geworden war. Dabei schnitt er allerdings deutlich schlechter ab als die Parteien, die ihn unterstüzten (Sozialistische Partei, PDD/PSD und CDS [vgl. zu den beiden zuletzt genannten Parteien, die heute beide der Europäischen Volkspartei angehören, genauer: Parties, Politics, and Democracy in the New Southern Europe), bei der Wahl der Verfassungsgebenden Versammlung (s. die Tabelle Portugiesische Wahlergebnisse von 1975 – 1979).
Das Wahlergebnis kann als gewisse Polarisierung zwischen den Rechten, die nicht bereit waren, Eanes mitzutragen, und den Linken, die von der Kompromisspolitik von Sozialistischer und Kommunistischer Partei enttäuscht waren, interpretiert werden. Allerdings zeigen die Ergebnisse der vorhergehenden und nachfolgenden Parlamentswahlen und das Zurückgehen der revolutionären Massenaktivitäten auch, dass es – über die Sympathie für Carvalho hinaus – keine die Massen überzeugende politische Artikulation der Unzufriedenheit mit PS und KP gab.

[3] https://pt.wikipedia.org/wiki/Movimento_Democr%C3%A1tico_Portugu%C3%AAs_/_Comiss%C3%A3o_Democr%C3%A1tica_Eleitoral.

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Popular_Democratic_Union_%28Portugal%29.

[5] Vgl. kritisch z.B.: http://bolshevik.org/deutsch/archiv/urspruenge_des_pabloismus.html.